Licht und Schatten im beschleunigten Wandel

von Andreas von Oertzen

Berlin, Dezember 2015 - (von Andreas von Oertzen)
Unter der Überschrift „Accelerating The Shift – Den Wandel beschleunigen" stand die ONLINE EDUCA 2015, die zum 21. Mal in Berlin als internationale Konferenz zu technologiegestütztem Lernen und Training für den Corporate-, Bildungs- und Öffentlichen Bereich stattfand. Dabei wurden einige der Forderungen zur Beschleunigung des "Shifts" von Anfang an mit großer Vehemenz vorgetragen. Sie reichten von teilweise bekannten Punkten wie echten End-zu-End-Verbindungen, dem richtigen Mix aus Peer-to-Peer- und Top-Down-Lernen bis hin zu  einer konkreten Vision für den Wandel, eine bessere Skalierbarkeit und mehr Einfluss für Lernexperten als Consultants.

Manchen Unternehmen und Verantwortlichen wurden in diesem Zusammenhang nach wie vor eine Kopf-in-den-Sand-Strategie zugeschrieben. Oder eine Haltung von "Lass-mich-in-Ruhe!" oder eine umfassende Ratlosigkeit. Zumindest schienen einige Vortragende der Meinung zu sein, dass jene Executives die Bedeutung der notwendigen radikalen Shift-Beschleunigung nicht hinreichend erkennen.

"Resources statt Courses" – "Ressourcen statt Kurse" oder "Für alle verfügbares Wissen" waren als übergreifende Leitsätze zu hören.

Licht und Schatten

Gleichzeitig wurde die Ambivalenz im Umgang mit Daten, Lernmanagement und Wissensmanagement bereits in der Eröffnungssession im Plenum der Fachveranstaltung deutlich. Hier spannten drei Key Note Speaker - Ian Goldin, Oxford University, David Price von "To Do Things Differently", UK, und Cory Doctorow, Blogger aus den USA - einen Bogen zwischen Polaritäten, die man im wahrsten Sinne des Wortes als lichte und dunkle Seite bezeichnen könnte.

Ein guter Teil der lichten Seite bestand in wiederkehrenden Ermutigungen, für Lernen, Coaching, Training doch nützliche Web-Tools vermehrt zu nutzen. Dort fände man praktische Links zu vielen Plattformen, Social Media und Informationen. Begriffe wie "user generated content" oder "peer-to-peer-learning" haben in diesem Kontext eine durchweg positive Konnotation.

Etwas anders sieht das aus, wenn man die Seite wechselt. Privatsphäre und Datenschutz waren hier die Themen. An diesem dunklen Pol ging es um den Schatten, um die unsichtbaren Daten. Daten, die von Google, Facebook und den anderen großen Playern gesammelt werden, und die für denjenigen Nutzer, der sie generiert hat, niemals sichtbar werden.

Cory Doctorow sagte dazu: "No matter who is winning the war on general purpose computing, you are losing." Wäre Cyberwar ein Hockeyspiel, so meinte er weiter, wäre es gerade mal am Anfang und es stünde bereits 500:500. Es wäre ein Spiel, in dem es nur noch Angriff, aber keine Verteidigung mehr gibt. Fünfzehn Jahre nach den großen Copyright-Kriegen würden wir das Internet noch immer wie einen phantastischen Video-on-demand-Service behandeln.

Dessen Funktionalitäten als perfektes Spionagesystem, Pornovertriebssystem oder Jihadi-Rekrutierungswerkzeug fände hingegen kaum Beachtung. Das Internet habe als das Nervensystem des 21. Jahrhunderts das Potenzial, jeden, alles und überall auszuspionieren.

Business Educa und Workplace Learning

Wie in den Vorjahren gab es die thematische Komponente BUSINESS EDUCA, innerhalb derer sich Experten aus den Bereichen HR und Organisationsentwicklung zusammenfanden, um praktische Strategien und Lösungen auszutauschen. Mitunter eher traditionelle Fragen wurden bearbeitet.

Dort ging es im Schwerpunkt um die Zukunft der Arbeit, des Arbeitens, des Arbeitenden. Welche Qualifikationen werden künftig vermehrt notwendig sein, um den übergeordneten "Shift" realisieren oder gar beschleunigen zu können. Hierzu wurden beispielsweise eine datenbasierte Analysefähigkeit, die Fähigkeit des zielgerichteten Filterns von Datenmassen und die Fähigkeit, in multikulturellen Umgebungen zu arbeiten, genannt.

Eine Untersuchung der World Bank Group beschäftigte sich im Rahmen von verhaltenswissenschaftlichen Betrachtungen mit Wahrnehmungsverzerrungen, die durch stillschweigendes Wissen hervorgerufen werden und Lernen behindern können. Monika Weber-Fahr, Chief Knowledge Officer, berichtete von Verzerrungseffekten wie Vereinfachung, Zustimmung, Selbstbezug oder Projektion. Anschließend ging es um Fragen, wie solche Verzerrungen zugunsten eines besseren Lernergebnisses überwunden werden können. Sich Zeit nehmen, Glaubenssätze infrage stellen und Raum für ungeliebte Themen schaffen, waren nur einige der nichttechnologischen Antworten.

Zusammenfassend

In welche Richtung sich der zu beschleunigende Shift bewegen wird, bleibt mit Spannung abzuwarten. An manchen Stellen während der Vorträge kam einem vielleicht der Satz "When something online is free, you’re not the customer, you’re the product.", abgeleitet von Andrew Lewis’ Satz: "If you are not paying for it, you're not the customer; you're the product being sold" in den Sinn.

Offensichtlich arbeiten weltweit bereits sehr viele Menschen mit Vehemenz an dem technologischen Shift. Möglichweise schneller, als es manch einem bewusst oder lieb wäre. Zur OEB im kommenden Jahr werden wir der Einordnung in den Kontext des Lernens der Zukunft wieder ein Stück näher gekommen sein.

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