Führung, Gruppendynamik und Vertrauen

von Andreas von Oertzen

KOMPLEX

Manager kennen das: Sie gehen mit dem gut ausgearbeiteten Konzept zuversichtlich in die Gremiensitzung. Die Ja-Entscheidung ist für Sie eigentlich ein „No-Brainer“.

Doch völlig unerwartet erhält das einfache Anliegen massiven Gegenwind aus unterschiedlichsten Richtungen. Als Manager stehen Sie innerlich kopfschüttelnd vor der Gruppe und verstehen die Welt nicht mehr. „Wie bitte? So eine klare und eindeutige Situation, und dann das hier...“

Keine einfache Situation.

Die Einflussfaktoren in Entscheidungsprozessen sind zahlreich: Sachfragen, logische Zusammenhänge, Persönlichkeiten, Beziehungen, Positionen, Rollen, Haltungen, Launen, Befindlichkeiten.

Manche Faktoren sind sichtbar und offensichtlich, andere sind verborgen und unsichtbar. Manche Einwände sind vielleicht nachvollziehbar, andere keineswegs. Unfreiwillige Automatismen in unserem Denken und Fühlen trüben die eigene klare Sicht. Beispiele dafür sind versteckter Groll, Neid, Angst, Unterstellungen, Übermut, Horror-Vorstellungen.

Dynamiken in der Gruppe behindern den klaren Entscheidungsfluss zusätzlich. Gewinnen-wollen, Stallgerüche, Parteinahmen, Zuschreibungen, Feindseligkeiten. In der Folge wachsen Zweifel. Gegenüber Kollegen und Kolleginnen, Vorgesetzten, dem Team, den Partnern, und schließlich gegenüber mir selbst.

Zusammenhänge werden vieldimensional und sehr komplex. Entscheidungen werden nicht getroffen, verschoben oder wirken wie ein fauler Kompromiss.

EINFACH

Die Behauptung: Vertrauen ist die wirksamste Komplexitätsreduktion, die es gibt.

Die gute Nachricht: Ungünstige Denkmuster und gruppendynamische Hindernisse lassen sich aufdecken und bearbeiten. Die Arbeit daran erweist sich fast immer als äußerst effektiv. Warum? Weil sie den Vertrauenslevel erhöht. Wenn Vertrauen vorhanden ist, wird vieles einfacher.

Wie aber erzeuge und erhalte ich Vertrauen im Führungsteam, in der Organisation?

Einige Anregungen:

1. Moderiertes „vom-Leder-ziehen“.
Allein das Aussprechen und Offenlegen der verärgernden oder frustrierenden Umstände löst viele Hindernisse.

2. Erfolgreiche Muster, erfolglose Muster.
Die systematische Erforschung dessen, was in der Vergangenheit funktioniert hat, sorgt im Team für eine zunehmende Sensibilität für die Erfolgsfaktoren.

3. Gestaltungswille statt Opferrolle.
Die Beteiligung der Betroffenen durch geeignete Verfahren sorgt bei der Entwicklung von Lösungen für Engagement und Mitwirkung.

4. Eigen- und Fremdbild.
Ein Abgleich von Eigen- und Fremdbild kann für erfreuliche oder vorrübergehend unbequeme Überraschungen sorgen.

5. Vertiefende Moderations-Werkzeuge.
Skulpturen und Aufstellungen, Dynamic Facilitation, Arbeit mit Konfliktebenen oder mediative Kommunikation erlaubt es, festgefahrene, verkrustete Strukturen wirksam zu lösen.

FAZIT

Den Sand im Getriebe zu entfernen ist in Entscheidungsprozessen die schwierigere Arbeit. Sich anschließend der Sach- und Lösungsebene zuzuwenden geschieht oft sehr leicht und von Freude begleitet.

Ein gruppendynamisch offenes Vorgehen erweitert den Gestaltungsspielraum und die Handlungsalternativen.

Ganz besonders

- in stark heterogenen Entscheidungsgremien,
- bei schwer lösbar erscheinenden Themen,
- bei Konflikt- oder Resignationspotenzial,
- in kreativen Entscheidungsprozessen mit Leidenschaft und Emotionen

erweist es sich als besonders wirksam.

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